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Pressekonferenz 16.10.2009, Frankfurter Buchmesse
Rede von Dalha Agyitsang
Wenn Sie wissen wollen, was tatsächlich im März 2008 und den folgenden Monaten in Tibet geschehen ist, dann bietet Woesers Buch eine umfassende Darstellung der Ereignisse.
Woeser schildert sehr detailliert die Ereignisse von den ersten Demonstrationen am 10. März 2008 bis zu den olympischen Spielen im August, manchmal in geradezu erschreckender Genauigkeit.
Das Buch beschreibt nicht nur die Proteste und ihre gewaltsame Niederschlagung in ganz Tibet - es zeigt auch die Mechanismen auf, mit denen mein Volk unter Druck gesetzt wird, wie z.B. willkürliche Verhaftungen, Umerziehungsmaßnahmen, Sanktionen gegen Angehörige und Kündigungen des Arbeitsplatzes.
Das Buch zeigt auch, wie die chinesischen Behörden versuchen, die Außenwelt über die wahren Verhältnisse in Tibet zu täuschen, z.B. durch Inszenierungen bei Journalistenreisen und vorgetäuschte Journalistenbesuche.
All dies schürt eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens, die bis heute unvermindert aufrechterhalten wird! Dazu dienen lange Haft- und Todesstrafen, die Verstärkung der Überwachungs- und Umerziehungsmaßnahmen und Reiseverbote für Ausländer vor wichtigen Jahrestagen, wie erst kürzlich wieder zum 60. Jahrestag der Volksrepublik China am 1. Oktober.
Ich möchte hier nur einige aktuelle Fälle politischer Verfolgung nennen:
1. Die Nonne Sangye Lhamo verteilte in ihrem Dorf Flugblätter mit dem Inhalt „Der Dalai Lama möge lang leben, wir fordern seine Rückkehr“.
2. Der Filmemacher Dhondup Wangchen erregte weltweite Aufmerksamkeit durch seinen Dokumentarfilm „Leaving Fear Behind“, in dem sich Tibeter offen über die alltägliche Unterdrückung und Diskriminierung unter chinesischer Herrschaft äußern.
3. Wangdu, Mitarbeiter einer NGO zur Prävention von AIDS, verteilte Flugblätter.
4. Der 81-jährige Buchdruckermeiste Paljor Norbu druckte tibetische Gebetstexte und Flaggen.
Sie alle wurden verhaftet und der üblichen Vergehen angeklagt: der Gefährdung der Staatssicherheit, der Spionage, der Anstiftung zum Separatismus und Volksverhetzung.
Für diese sogenannten „Vergehen“ werden lange Haftstrafen bis hin zu lebenslänglich verhängt. Das einzige „Verbrechen“ dieser Menschen, wenn man es denn so nennen will, besteht in der Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung.
Die Inanspruchnahme dieses elementaren Menschenrechts wird im Lande des Ehrengastes mit Zensur und schweren Strafen geahndet. Publikationsverbot, Hausarrest und Isolation gehören dabei zu den milderen Strafen in Tibet und China.
Die genannten Fälle sind nur einige wenige Schicksale, die trotz Zensur bis zu uns durchgedrungen sind. In Tibet sind die Gefängnisse voll mit Menschen, Menschen schöpferischen Geistes, die versuchen, mit Kunst, Literatur und Musik ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen, aber auch Menschen, die bei Demonstrationen ihre grundlegenden Menschenrechte einfordern.
Dafür werden Sie verhaftet und gefoltert – und wenn abzusehen ist, dass sie in Kürze an den Folgen der Folter sterben, werden sie nach Hause geschickt. Meine Landsleute werden auf allerschlimmste Weise „mundtot gemacht“.
Dies alles ist Gegenwart! Dies alles geschieht heute, jetzt, in meiner Heimat.
Sie als Journalisten wissen am besten um den Wert der freien Meinung.
Die Presse beeinflusst ganz wesentlich unser aller Weltbild. Sie versteht es, durch mutiges Einschreiten das Unrecht an den entlegensten Orten dieser Welt ans Licht zu führen. Sie als Journalisten haben die Möglichkeit und die Macht, den Unterdrückten eine Stimme zu geben.
Ich möchte Sie daher bitten, sich dieses wichtigen Themas anzunehmen - jetzt im Zusammenhang mit der Buchmesse mit dem Ehrengast China, aber auch in Zukunft.

